| |
| Werktexte |
| |
| |
|
| |
| Vom
16. März bis 28. Mai 2006 wohnte ich auf Einladung der Townhouse Gallery
als artist-in-residence in Kairo. Die Town-house Gallery befindet sich mitten
im Herzen von Downtown, dem Geschäfts- und Touristenzentrum Kairos. Sie gilt
als Plattform der freien arabischen Kunstszene und zunehmend auch für Künstler
aus Westeuropa. |
| Mein
Anliegen galt der Stadt selbst. Mit ihren inzwischen 19 Millionen Einwohnern und
mehreren Universitäten gilt Kairo als Zentrum der arabischen Welt. Sich in
einer solchen Stadt zu bewegen, kam mir jeden Tag wie ein Abenteuer vor. Ich durchstreifte
trostlose Wohngebiete wie Ain Shams, das trotzdem eine namhafte Universität
beherbergt, das quirlige und brechend volle Helwan - ebenfalls mit Universität
-, die Stadtteile Shubra und Maadi. Selber Außenseiterin lernte ich schnell
andere Außenseiter kennen, die traurige community der sudanesischen
Flüchtlinge. Sie trugen wesentlich zu meinem Blick auf die Stadt bei. |
| Die
Fotos entstanden auf diesen Streifzügen, auf denen mich das Flüchtige
und Vergängliche interessierte: Bilder von Spiegelungen in Pfützen,
Momentaufnahmen eines Straßenhändlers ("in between - Talaat Harb
Street") oder kurze Ausblicke auf Autofahrten zeigen keine touristischen
Ansichten einer Stadt, die so viel besucht und abfotografiert wird wie kaum eine
andere der arabischen Welt. Daher war es mir wichtig, die bekannten nostalgischen
Bilder von Basaren, dem historischen Old Cairo, den Pyramiden in Giza oder
den unzähligen Kaffeehausmotiven zu vermeiden. Nicht zuletzt halfen mir auch
meine Kontakte in der sudanesischen Gemeinde für die Teilnahme an einem Leben
in einer Parallelgesellschaft. Sie brachte mich an Orte, die ich so niemals kennen
gelernt hätte. |
| |
| |
|
| |
| Riesige
Werbetafeln schweben nachts hellerleuchtet über der Stadt Kairo. Die Serie
"Posters of Cairo" sind Text-Bild-Fragmente - emotional aufgeladene,
aber unverständliche Botschaften, die hier unter anderem auch für das
Fremdsein in einer anderen Kultur stehen. Während man das Bildhafte - geschult
durch die Stilmittel der Werbung - zu verstehen glaubt, bleibt der Text unklar;
oft genug aber auch beides. In diesen Zwischenräumen von Bekanntem und Fremdartigen
entfalten sich Geschichten, die als subjektiver Film im Kopf nur in einem selbst
stattfinden. Dieser Zustand ist eine 'Interzone' ganz eigener Art. |
| Die
von mir fragmentierten Bilder gehen alle auf Werbefotos aus ägyptischen Modemagazinen
zurück, die sich teilweise auch als Plakat in der Stadt wiederfanden. Begehren,
Sehnsüchte und Vorstellungen von einem unbeschwerten Leben sind hier wie
dort Thema. Die arabischen Texte sind in Unkenntnis der Bedeutung geschrieben,
in blinder Nachahmung - so wie man sich auch in einer fremden Kultur nachahmend
bewegt. Die englischen Texte sind somit keine Übersetzung des Arabischen.
Die beiden Schriftkulturen sind jeweils von ihrer eigenen Ästhethik bestimmt.
Die Bildausschnitte der Models wirken intim und gleichzeitig entrückt, die
englischen Halbsätze radikal wie rätselhaft. Wie im Traum bleibt alles
in der Schwebe. |
| |
| |
PAIN!
Die Stadt als Collage |
|
| Wo
das Recht auf menschenwürdiges Wohnen und persönliche Sicherheit in
den Städten versagt wird, bietet sich dem streunenden Blick ein äußerst
vitales Eigenleben unter Brücken, an Bahngleisen und ähnlichen Orten.
Neben seelenlosen Geschäftsgebäuden entstehen notdürftige Unterkünfte
aus Abfällen und Resten - eine zweite Stadt, die Schattenstadt. |
| Nur
indirekt beleuchtet durch das eitle Lichtgeflimmer der 'schönen' Stadt schämt
sie sich im Dunkeln für ihre Notdurft. Von riesigen Plakaten überragt,
die unerträglichen Hochglanz ausbreitet, überragen sie die Rattenlöcher
der Schattenmenschen, die sich in die Nischen ducken, die ihnen die schöne
Stadt noch läßt - bis zur nächsten Räumung. |
| Die
Fotos der Serie sind abfotografierte Arrangements, den urbanen Situationen nachempfunden,
wie ich sie auf meinen Reisen gesehen habe: Collagen aus Karton, Fotos und Dreck.
|
| |
| |
|
| |
| Die
Portraits meiner aktuellen Arbeit verwenden den Zoom und das Close-up
der Werbefotografie, die ich oft in eine Art filmische Sequenz übersetze.
Dabei inspirieren mich die ästhetischen Randerscheinungen der Fotografie:
schwarze Randstreifen, Überbelichtungen und Falschfarben, alle Arten von
chemischen Entwicklungsfehlern dienen mir als Stilmittel meiner Kompositionen.
Sie zeigen die Flüchtigkeit von Identität auf, die für mich bereits
mit dem 'falschen' Abbild beginnt. Diesen Unzulänglichkeiten eine malerische
Qualität zu geben bedeutet für mich, das Zufällige und Fehlerhafte
in meinem Grundthema vom Bild des Menschen mit einzubeziehen. Gleichzeitig erfährt
das Motiv in mehrteiligen Bildserien eine Rhythmisierung, die u.a. durch die 'nicht
belichteten' schwarzen 'Leerfelder' entsteht und dem Betrachter einen Assoziationsraum
bietet. Das Unsichtbare erzählt mit. Im Nachahmen dokumentarischer Erzählweise
entstehen die als "kurzfilme" bezeichneten komprimierten Geschichten
- eine Art 'Kino der stehenden Bilder'. |
| |
| |
|
| |
| Der
Fokus meiner künstlerischen Arbeit dreht sich um den Begriff Identität
und so ist das Hauptsujet meiner Bilder das Porträt. Ab 1998 entstand die
Serie "Engel", die nach Vorlagen von Modefotos der Hochglanzmagazine
entstand. |
| Die
Entdeckung der beiden Tafeln Biochemimical Pathways als wissenschaftliches
Studienmaterial konfrontierte mich mit ganz neuen Aspekten menschlicher Existenz,
die ich in meine Arbeiten - sozusagen als Gegenmodell zur Konstruktion von Identität
- seither mit einbeziehe. |
| In
diesem Zusammenhang entstand die Serie "Models": die Motive stammen
alle aus verschiedenen Modemagazinen von Vogue und medizinischen Porträts
von kranken Menschen aus dem Klinischen Wörterbuch Pschyrembel. Dieses
disparate Bildmaterial direkt mit einander zu konfrontieren ergibt für mich
eine neue und geradezu unversöhnliche Aussage zum Thema Identität: zwischen
der Unvollkommenheit des Menschen in Krankheitsbildern und dem Schönheitswahn
der Beautyfotografie gibt es - außer in der Kunst - keine Verbindung.
|
| |
| |
|
| |
| Die
Serie "Changez la femme" leitet sich als Titel von dem Bonmot
"Cherchez la femme" ab. "Verändern Sie die Frau"
heißt die Bildserie, in der noch das "Suchen Sie die Frau" mitschwingt.
Sie zeigt die Abbildung der berühmten Filmfigur Maria in Fritz Langs bahnbrechendem
Sciene Fiction - Film "Metropolis" mit meinem eigenen Abbild
und verändert so ihres wie mein Konterfei. |
| Mit
Maria, die als Maschinenfrau der wirklichen Maria im Film nachgebildet wird und
so die rebellische mit der gefügigen Maria eintauscht, gelingt es den Drahtziehern
in 'Metropolis', ihre Anhänger zu täuschen. Sie ist für
mich der Prototyp für die Geschichte der Frau, die nach den verschiedenen
Abbildern der jeweiligen Machtverhältnisse und den sich in der Mode widerspiegelnden
Zurichtungen ihr Abbild ständig wandelt. |
| Dahinter
steht auch der künstlerische Wunsch, dem virtuellen Gesicht meine menschlichen
Züge zu leihen und mich selbst in ihren Zügen aufzulösen. Dieses
Changieren ist auch ein Rollenspiel, ein Spiel mit fiktiver Identität, wie
die Kunst sie ermöglicht. |
| |
| |
|
| Als
Kind spielte ich mit Puppen. Ungehemmt gab ich einen Großteil meiner Erlebnisse
an sie weiter. Ich belohnte und bestrafte sie. Ich war auch lieb zu ihnen. Ich
beschützte sie. Nachts durften sie in meinem Bett neben mir liegen. Aber
sie gehörten mir. Ich tat mit ihnen, was ich wollte. Sie selbst taten nichts,
sie waren einfach nur da - herrlich verfügbar. |
| Diese
oder ähnliche Strukturen finden sich in häuslicher Gewalt und sexuellem
Missbrauch wieder. In abgewandelter Form und ohne physische Gewaltausübung
zeigen sie sich auch in den virtuellen Beziehungen der unzähligen Kontaktbörsen
im Internet. Die Fantasie wird durch Text und Fotos stimuliert und entwirft eine
Szenerie, die der eigenen Lustregie mehr oder weniger gehorchen soll. Der Bildraum
in der Serie "u are mine" ist wie ein Gefängnis, dem das Objekt
von Begierde und Macht nicht entrinnen kann. |
| |
|
© Ina Zeuch |
| |